letzte Kommentare / Like. goetzeclan / Ja, eine gewisse... mark793 / Ja, es hat mich... goetzeclan


03
April 14
Musik machen, in dem man keine Musik macht
„Die rechte Kunst“ rief da der Meister aus, „ist zwecklos, absichtslos.“

Eugen Herriegel, Zen in der Kunst des Bogenschießens, Seite 40

Weil die Kunst auf dem Weg zum Zen unerheblich ist, kann auch die Musik als Weg zum Zen verwendet werden. Dabei scheint es wichtig, intensiv zu üben, bis alle Bewegungen wie Wasser fließen. Und in diesen Übungen sich zu verlieren, das Ich aufzugeben, und den Zweck. Absichtlich absichtslos werden, um dann die Kunst auszuüben, und sich von der Kunst bewegen zu lassen. Musik machen, in dem man eben keine Musik macht. Dann entsteht Musik wenn man in ihr ist, und die Musik ist in einem, wenn sie entsteht. Ich spiele die Musik, und die Musik spielt mich.

Dazu bedarf es lange Jahre der Übung, der Meditation, und der Fähigkeit sich von den Dingen die uns umgeben zu lösen.

Ich habe das alles nicht getan. Doch manchmal sitzt man tief versunken an einem Instrument, ist ohne Absicht, gelöst von seiner Umgebung, in sich versunken und leer, und die Finger bewegen sich ohne Aufforderung. Und dann öffnet sich der Vorhang einen winzigen Spalt, und die Musik spielt einen, und man spielt mit der Musik, ohne Absicht, im Einklang mit ihr.

Auf diese Weise ist die Basis für dieses Stück hier entstanden. An einem ruhigen, sonnigen Nachmittag, verloren in Zeit und Raum, ohne Zweck und ohne Absicht. Die Musik kam von alleine, weil ich sie einlud, und nicht herbei zwang …

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Ich kann diese ganze Zenmeisterei kaum lesen ohne dass mir auch die dazugehörige Glosse aus einer alten "pardon" über Ikibuma, die Kunst des japanischen Blumengießens in den Sinn kommt:
(...) Wir Menschen des Westens betreiben das Blumengießen als rein technischen Vorgang: Wir peilen den Blumentopf mit dem Gießkännchen kurz an, dann heißt es schon "Rohr frei!", und der Rest ist Wasser. Für den Japaner hingegen ist das Blumengießen etwas ganz anderes, nämlich ein spiritueller Akt, eine Vereinigung der Elemente, eine Kunst. Eben Ikibuma. Wer diese Kunst erlernen will, begibt sich bei einem Meister, einem "Iki-san" in die Lehre und beginnt eine oft jahrelange Ausbildung. Denn "nicht ich, es soll gießen" - so formuliert Schlotz, ein berühmter Iki-san des 16. Jahrhunderts, das uns Westeuropäern so fremde Ziel der Ausbildung. Es - das meint einmal das Gießkännchen, dann aber auch jene unbewusste Kraft im Menschen, die erst durch die Ausschaltung des bewussten Willens freigesetzt wird. So ist es dem Schüler auch streng verboten, angespannt mit dem Kännchen nach dem Blumentopf zu zielen. Und nur nach langer Meditation darf er überhaupt nach dem Behälter greifen und sich dessen Inhalt wie in Trance über die Hose gießen - denn mehr wird ein Anfänger in den ersten Jahren kaum erreichen. Dafür werden von den Iki-san umso größere Wunderdinge berichtet. (...)


Aber wie dem auch sei, mit Deinem Track kann man sich richtig schön wegbeamen in eine Sphäre, in der angestrengte Willensakte bedeutungslos werden, die Lider ganz schwer...
 
Ja, ist das nicht herrlich? Man kann sich über alles lustig machen, und sich so dauerhaft allem verschließen was man nicht kennt, oder nicht auf Anhieb versteht. Am Ende bleibt man sich selbst überlassen, und mit seiner Unfähigkeit damit klar zu kommen.

Aber schön, dass Dir der Track gefallen hat.
 
Man kann sich über alles lustig machen, und sich so dauerhaft allem verschließen was man nicht kennt, oder nicht auf Anhieb versteht.

Hm, ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass die Urheber dieser kleinen Satire (die übrigens aus der sogenannten Neuen Frankfurter Schule der späten 60ern oder frühen 70ern stammt) die Tonalität so gut getroffen hätten, wenn sie das Thema nicht verstanden hätten. Wir reden hier von Humorfürsten wie Gernhardt, Bernstein und Wächter und nicht von irgendwelchem 9gag-Zeugs oder nichtlustig.de (das seinem Namen oft genug alle Ehre macht).

Du musst das vor dem kulturgeschichtlichen Hintergrund jener Hippiejahre sehen, als der ferne Osten grad groß in Mode kommt, die Beatles zum Maharishi pilgern und selbst das Beheben von Pannen auf Motorrad-Reisen zenbuddhistisch verbrämt wird in Romanform. Vor dieser Kulisse finde ich diese kleine Humorperle ziemlich genial.

Hinzu kommt, dass sich meine Frau eine Weile mit traditionellem japanischem Bogenschießen gemüht hat, bei dem das absichtslose "nicht ich schieße - es schießt" so derart im Vordergrund stand, dass sie in all der Zeit, die sie darauf verwendete, nicht einmal wirklich zum Schuss kam. Was letztlich auch eine Sache der fehlenden Kraft war. Jedenfalls schloss sich da ein wenig der Kreis zu der Gießkanne und dem jahrelangen Weg damit, bis man auch nur in die Nähe eines Blumentopfes darf, und ich reklamiere an dieser Stelle mal ganz vollmundig, dass ich ansatzweise schon durchdrungen habe, worüber ich mich da lustig mache.
 
Jaja, Steve Jobs wollte in der Zeit auch zu einem Guru nach Indien. Da hat er noch bei Atari gearbeitet, sah aus wie ein Hippie, und stank dermaßen, das er fast nicht mitfliegen durfte. Er musste erst für Atari nach München um hier eine Spielhallenkonsole an das deutsche Stromnetz anzupassen, erledigte den Job in wenigen Stunden, und flog dann sofort weiter nach Indien. Ein halbes Jahr suchte er den Meister, und als er ihn fand, wies ihn dieser als Schüler ab. Er gab ihm was zu essen, und für ein paar Tage ein Dach über den Kopf, aber dann musste Jobs gehen.

Die fehlende Kraft im Spannen des Bogens, so der Autor des o. g. Buches, ist ein Hinweis darauf, das jemand die erste Stufe auf dem Weg des Bogens noch nicht erreicht hat. Oder aber, dass das ganze Buch reine Fiktion ist, und er einen riesen Buhei um ganz simple Dinge macht, damit er interessant wirkt. Wer weiß das schon, wenn er es nicht selber versucht hat. Und selbst dann …

Demgegenüber steht meine Erfahrung mit Dingen, die sich erst dann entfalten, wenn man sie ausübt. Elternschaft ist so eine Sache. Niemand kann ermessen wie es ist ein Vater (oder Mutter) zu sein, wenn er es nicht ist. Ich dachte lange Zeit, ich könnte es. Bis ich dann Vater wurde. Da merkte ich, das ich nicht mal eine Hand voll Wasser aus dem Ozean der Elternschaft wusste.

Ähnlich ist das mit Musik. Dieses Aufblitzen des Vorhangs habe ich schon ein paar mal erlebt. Auch „Private Sessions“ ist so ein Erlebnis.

Und diese Erlebnisse machen es mir schwer, mich darüber lustig zu machen. Da bin ich vielleicht ein wenig steif, oder humorlos. Ich habe die Sachen aus pardon oder Titanic immer gerne gelesen, und mich prächtig dabei amüsiert. Aber sie haben mich nie motiviert mich mit der Sache auseinander zu setzen. Ich sehe der dadurch vertanen Zeit, die ich besser mit solchen Sachen verbracht hätte (und durchaus wollte), mit Wehmut nach. Denn im Tausch habe ich nur einen Witz bekommen. Einen Gernhard- oder Wächter-Witz, ja klar. Aber doch am Ende nur einen Witz. Mir haben sich im Tausch gegen den Witz Sachen verschlossen, die ich nicht mal Ansatzweise verstanden habe.

„Besser einen guten Freund verlieren, als auf eine Pointe verzichten.“ Den Spruch von Oscar Wilde fand ich lange Zeit gut. Aber am Ende stellte er sich als falsch heraus …
 
Ich habe die Sachen aus pardon oder Titanic immer gerne gelesen, und mich prächtig dabei amüsiert. Aber sie haben mich nie motiviert mich mit der Sache auseinander zu setzen.

Okay, wenn Du mit Gewissheit sagen kannst, dieses Amüsement hätte Dich explizit davon abgehalten, dich mit den abgehandelten Gegenständen noch anderweitig (im Sinne von tiefergehend) zu befassen, verstehe ich Deine Wehmut durchaus.

Mein Ansatz war da (oft zumindest) ein etwas anderer: Gerade zu Themen, mit denen ich mich an anderer Stelle ernsthaft befasste, waren mir solche unernsten Abhandlungen manchmal ein besonder Genuss. So wie mich auch das wiederholte Anschauen des legendären Films "Das Leben des Brian" nie davon abgehalten hat, immer wieder der Frage nachzugehen, welche Rolle Jesus samt der ganzen Überlieferung rund um diese Figur für mich und in meinem Leben spielt. Womöglich hätte ich ohne dieses Ringen mit dem Thema denFilm nur zu zwei Drittel so lustig gefunden, wer weiß.

Elternschaft ist auch ein gutes Stichwort in diesem Zusammenhang. Du hast natürlich recht: Man weiß nichts, egal, was man sich davon im Vorfeld für Vorstellungen macht. Ich war zum Beispiel 40 Jahre lang (und davon 30 einigermaßen bewusst) der festen Auffassung, das wäre ja so gar nichts für mich - und für eventuelle Kinder auch nicht. Aber deswegen sehe ich die kinderlosen Jahre aus heutiger Rückschau gewiss nicht als vertane Zeit.

Wer weiß, wenn der richtige Zeitpunkt kommt und die Rahmenbedingungen stimmen, dann starte ich vielleicht auch einen Versuch mit dem traditionellen japanischen Bogenschießen. Und wenn es dann nicht so recht klappen will, dann denke ich insgeheim an die Gießkanne und einen absichtlosen Guss über die Hose, und dann muss ich innerlich vielleicht ein bisschen schmunzeln, was mich dann locker genug macht, der Absichts- und Ziellosigkeit noch hartnäckiger nachzustreben. ;-)
 
Ja, es hat mich aktiv davon abgehalten. Mein geringes Selbstwertgefühl hat mir klar gemacht, das ich mich mit Zen nicht auseinandersetzen kann, wenn man sich dabei mit der Gießkanne Wasser über die Hose gießt. Das passiert mir so schon oft genug, da will ich es nicht noch verschärfen, in dem ich mich trotz Warnung in der Pardon damit erwischen lasse.

Auch so kann Jugend sein. Echt Shize.

Was das Bogenschießens betrifft, einfach mal mit einem Bogen schließen, durchaus mit Absicht und auch mit einem Zweck, ist für sich genommen schon ziemlich gut. Bogenschießen trägt in sich schon was Meditatives. Ich habe einen über der Tür hängen, mitsamt einem Rudel Pfeile in einem selbst gemachten Lederköcher, und eine Scheibe im Keller. Ist alles lange her, aber es ist wirklich gut …
 
Ja, eine gewisse innere Ruhe braucht es dazu wohl. Habe mich vor paar Jahren im Urlaub mal damit versucht, aber mal eben paar Pfeile abschießen im Rahmen einer Burgbesichtigung mit viel Trubel und Ungeduld drumherum, das führte irgendwie zu nichts. Da blieb noch Raum für Verbesserung.

Ansonsten, die Jugend, da sagst Du was. Wieviel Ressourcen und Potenziale verschwendet wurden im Bestreben, sich ja nicht noch mehr zum Deppen zu machen als ohnehin nicht zu vermeiden war. Da kann ich durchaus mitreden.
 
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